Bald darauf sah man schon die ersten hungrigen Gäste herbeifliegen und schnell gab es ein munteres Treiben. Herr Schulze liebte es, den vielen Spatzen, Meisen und Finken vom Küchenfenster aus zuzusehen.
Besonders viel Freude machte es ihm, wenn sein kleiner Enkel Anton neben ihm auf einem Bänkchen stand und eifrig mit den Fingern gegen die Fensterscheibe tippte. „Opa, da - ein großer Vogel!“, rief er dann ganz aufgeregt, wenn auch einmal eine Amsel an das leckere Futter wollte.
„Ja, lass sie nur“, sagte Herr Schulze, „sie hat ebenso viel Hunger wie die anderen auch. “
„Aber sie ist doch schon so dick“, beschwerte sich Anton.
„Oh nein“, lachte Herr Schulze, „sie hat sich nur wegen der Kälte so dick aufgeplustert. “
So vergingen die Tage und Wochen und der Winter neigte sich dem Ende entgegen. Allmählich füllte Herr Schulze nicht mehr so viel Futter in das Vogelhäuschen, denn so langsam konnten sich die Vögel wieder daran gewöhnen, auch in der freien Natur etwas zu finden. Nur dem Anton wollte das gar nicht gefallen. „So wenig Körner, Opa!“, beschwerte er sich und machte sich seine eigenen Gedanken.
Am nächsten Tag brachte er eine kleine Geldmünze mit und legte sie auf den Küchentisch. „Opa, kauf neue Körner - ich helfe dir auch!“
Herr Schulze war ganz gerührt, dass Anton sein Taschengeld für die Vögel hergeben wollte. Aber es war nun schon einmal März und da war es mit dem Füttern bald vorbei. „Ich habe da eine andere Idee“, sagte Herr Schulze und nahm Anton auf seinen Schoß, „wir legen dein Geld und meins zusammen und kaufen ein bisschen Holz. Daraus bauen wir beide einen Nistkasten und hängen ihn hinten im Garten an einen Baum. Da können die Vögelchen dann ein Nest darin bauen und ihre Eier hineinlegen. Und bald gibt es dann kleine, weiche Vogelküken - was meinst du?“
„Oh ja, das machen wir!“ Begeistert klatschte Anton in die Hände und fröhlich stimmte Herr Schulze das bekannte Liedchen an:
„Alle Vögel sind schon da,
alle Vögel, alle!
Welch ein Singen, Musizier’n,
Pfeifen, Zwitschern, Tirilier’n!
Frühling will nun einmaschier’n,
kommt mit Sang und Schalle. “
Kalenderblätter
Jeden ersten Samstag im Monat bekommt Frau Burger Besuch von ihrer Enkelin Annika. Das ist immer ein schöner Tag für die beiden. Es wird gemalt oder gebastelt, gesungen und gespielt. Und da Annika letztes Jahr in die Schule gekommen ist, will sie ihrer Oma auch zeigen, wie gut sie schon lesen gelernt hat. Jeden Monat geht es ein bisschen besser und bald kann sie bereits eine ganze Geschichte alleine vorlesen. Frau Burger hat viel Freude an der Kleinen. Auch das Kochen übernehmen sie gemeinsam. Annika schneidet das Gemüse vorsichtig in kleine Stückchen, rührt aufmerksam im großen Topf die Suppe um und schlägt dann mit dem Mixer die Sahne für den Nachtisch.
„Wunderbar!“, lobt Frau Burger, „du bist wirklich schon eine große Hilfe. “ Und Annika strahlt über das ganze Gesicht.
Nach dem Essen ruht sich Frau Burger ein wenig aus und Annika schaut sich Bücher an oder stromert durch Omas Haus, ob es etwas Neues zu sehen gibt. Am liebsten mag sie die Kalender, die in verschiedenen Zimmern hängen und die sie bei jedem Besuch für den neuen Monat umschlagen darf. Im Flur hängt ein Tierkalender und Annika ist jedes Mal gespannt, welches Tier sie nun zu sehen bekommt. Ah - heute ist es ein niedliches Kätzchen unter einem rosa Blütenzweig. In der Küche hängt ein Kalender mit Teddybären - da gibt es für diesen Monat einen dicken braunen Bären auf einem Fahrrad zu sehen. Und auf dem Kalender im Esszimmer findet sie einen bunten Blumenstrauß vor. „Mai“, liest Annika laut vor, „Oma, es ist Mai!“
„Ja, genau, der Wonnemonat Mai“, stimmt Frau Burger ihr zu. „Und sieh nur, wie die Sonne lacht, da ist es Zeit für den Spielplatz, was meinst du?“
Aber Annika schaut gar nicht glücklich aus, obwohl sie doch sonst so gern mit Oma nach draußen geht.
„Nanu“, wundert sich Frau Burger, „was ist denn los? Du wirst doch nicht etwa krank werden?“
Annika schüttelt den Kopf. „Die Bäume“, flüstert sie und schmiegt sich eng an Oma heran, „die Bäume, die schlagen uns doch jetzt. “
„Was sagst du da?“ Frau Burger versteht nicht ganz. „Die Bäume schlagen? Wie kommst du denn darauf?“
„Aber das singst du doch immer, Oma: Die Bäume schlagen aus!“
„Ach“, da fällt es Frau Burger ein und sie lacht laut he-raus: „Das meinst du:
Der Mai ist gekommen,
die Bäume schlagen aus,
da bleibe, wer Lust hat,
mit Sorgen zu Haus!
Wie die Wolken dort wandern
am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn
in die weite, weite Welt.
Aber mein Liebchen, damit ist etwas ganz anderes gemeint! Wenn die Bäume ausschlagen, dann bekommen sie Knospen und Blüten und Blättchen. Im Winter sind sie ganz trocken und dürr, aber im Frühling erwacht die Natur und alles blüht und grünt! Da brauchst du keine Angst zu haben - pass auf, ich zeig es dir gleich draußen einmal. “
Da ist Annika ganz erleichtert, dass sie sich nicht fürchten muss, und zieht schnell ihre Schuhe an. Draußen auf dem Spielplatz nimmt Frau Burger einen blühenden Zweig in die Hand und zeigt Annika alles noch einmal ganz genau: „Schau nur, der Baum tut uns nichts. Er ist nur wunderhübsch mit seinen vielen Blüten. Da siehst du, wie sehr Gott die Menschen liebt, dass er alles so schön hergerichtet hat!“
Im Wald
Förster Friedrichs wohnt in einem hübschen Haus am Waldesrand. Das Haus ist schon sehr alt, dort hatten bereits seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gewohnt. Die Männer waren allesamt Förster gewesen. Das Haus hat schöne, hohe Fenster und an der rechten Seite ein kleines Türmchen und natürlich ein Hirschgeweih über der Eingangstür. An der Auffahrt entlang stehen uralte, mehrere Meter hohe Pappeln, die so schön rauschen, wenn der Wind durch die Zweige streicht. Diese Auffahrt sind früher Kutschen mit stolzen Pferden heraufgekommen. Aber das ist lange her. Seitdem hat sich vieles verändert. Es gibt Autos und Trecker und im Haus Telefon, Fernseher und einen Computer. Ohne den geht es bei den jungen Leuten gar nicht mehr. Und die haben einiges vor.
Sohn und Enkel wollen umbauen und anbauen - sie haben allerhand Pläne. Das behagt unserem Förster gar nicht so sehr; es wird ihm so manches Mal zu viel. Da flüchtet er sich doch lieber in seine geliebte Natur. Die bleibt ihm beständig.
Und so manchen Abend, wenn es anfängt zu dämmern, begibt er sich mit seinem Dackel Waldi auf eine Runde durch den Wald. Ach, wie gut das tut! Hier kann er tief durchatmen! Welch ein wohliger Geruch nach Moos, Rinde und Erde kommt ihm da entgegen. Hier hat er seine Ruhe und trifft alle paar Meter auf seine altbekannten Bäume und Sträucher. Ab und zu huscht ein Mäuschen über den Weg. Waldi flitzt eifrig hin und her, denn überall gibt es Spuren von Kaninchen und anderen Tieren zu erschnüffeln. Da! Auf einmal wird er ganz aufgeregt und bellt laut los! Was hat er denn nur? Ah, er hat einen Fuchsbau entdeckt! Das ist natürlich etwas Besonderes!
Förster Friedrichs muss seinen Dackel jetzt an die Leine nehmen, denn Waldi würde am liebsten in den Fuchsbau hineinkriechen. „Lass den Reinecke mal in Ruhe!“, ruft der Förster. „Der soll nur aufpassen, dass er vom Dorf wegbleibt! Dort gibt es Hühner und Gänse, und da wollen ihn die Leute natürlich nicht bei sich haben! Sonst ergeht es ihm hinterher noch so wie in dem alten Lied:
„Fuchs, du hast die Gans gestohlen,
gib sie wieder her,
gib sie wieder her!
Sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr.
Sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr. “
Nun ist es schon recht dunkel geworden und Förster Friedrichs begibt sich auf den Heimweg. Morgen früh, noch vor dem Frühstück, will er wieder hierherkommen, denn er liebt nun einmal seinen Wald. Vielleicht auch deswegen, weil er dort immer wieder an den Schöpfer im Himmel erinnert wird, der alles so wunderbar geschaffen hat. Und weil er weiß, dass Gott treu und beständig ist, auch wenn sich in der Welt so vieles verändert.
Gute, alte Zeit
Frau Lorenz liebt es, von der guten, alten Zeit zu erzählen. „Ja, bei uns damals“, sagt sie gerne zu allen, die es hören und auch nicht hören wollen. Aber so im Geheimen muss sie doch zugeben, dass auch die neue, moderne Zeit ihre Vorzüge hat. Schon am frühen Morgen kann sie sich von dem Segen der Elektrizität überzeugen, wenn sie nicht erst nach Streichhölzern für eine Kerze oder nach der Petroleumlampe suchen muss, sondern einfach „klick“ den Lichtschalter anknipsen kann. Im Bad geht es weiter. Anstatt aufwändig den alten Boiler anzuheizen, kommt jetzt wie von selbst warmes Wasser aus dem Hahn. Auch das Zähneputzen geht mit der elektrischen Zahnbürste einfacher, seit ihre Hände immer wieder vom Rheuma heimgesucht werden. In der Küche reichen ein paar Griffe und schon läuft der Kaffee durch die Maschine und ein wunderbarer Geruch breitet sich aus. Dazu ein knuspriges Toastbrot aus dem Automaten und frische Marmelade aus dem Kühlschrank. Wie gut, dass sie dafür nicht mehr in den kalten Steinkeller hinunterlaufen muss.
Für eine wohlige Wärme von der Heizung braucht es nun keine Kohlenschlepperei mehr, sondern es reicht das Drehen am Thermostat. Und für ihr Mittagessen muss sie auch nicht mehr den alten Kachelofen anfeuern, sondern einfach die Knöpfe am Elektroherd drücken. Und wenn Frau Lorenz schließlich am Nachmittag in der Waschküche ihre Wäsche in die Maschine sortiert, dann ist sie doch ganz erleichtert darüber, dass jetzt nicht noch die ganze Plackerei vor ihr liegt, die der große Waschtag immer mit sich brachte. Da lacht sie denn über das ganze Gesicht und singt lustig vor sich hin:
„Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh,
und sehet den fleißigen Waschfrauen zu!
Sie waschen, sie waschen, sie waschen den ganzen Tag!
Sie waschen, sie waschen, sie waschen den ganzen Tag!“
Ja, diese Mühen sind vorbei und Frau Lorenz freut sich über die neue, moderne Zeit!