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02.07.2018

Neue Bücher

Kann Hilfe schaden? (Von Jörg Berger)

Normalerweise nützt es anderen, wenn wir helfen. Aber wie ist das bei stachligen Persönlichkeiten? Manchmal fragt man sich, ob man mit Liebe und Einsatz unterstützt, was vielleicht nicht unterstützenswert ist. Warum das so ist, lesen Sie in meiner Stachel-Story.

Wie ich als Therapeut zum Komplizen werde

Meine Rolle als Psychotherapeut ist meistens klar und einfach: Ich bin Anwalt der Sorgen und Nöte, mit denen Menschen zu mir kommen. Eine Komplikation besteht allerdings darin, dass die Menschen, die ich begleite, ein Umfeld haben und dort wiederum in Beziehung stehen. Alles, was sie tun und lassen, hat auch eine Auswirkung auf andere. Auch das ist für mich meistens kein Problem: Eine Mutter zum Beispiel, die ihre Kinder anschreit, wird im Laufe einer Psychotherapie stärker und ausgeglichener. Das kommt dann auch den Kindern zugute.

Wo ich aber Menschen begleite, die sich mit dem Stachel Energie rauben schützen, komme ich manchmal in eine Situation, die mir Kopf- und Herzzerbrechen bereitet. Sie erinnern sich? Energieräuber sind Menschen, die eine besondere Empfindsamkeit oder irgend ein Handikap haben. Eigentlich müssten sie ihr Leben einfach etwas bescheidener führen. Doch das schmerzt natürlich, wenn man sich mit anderen vergleicht. Es tut auch weh, wenn man hinter den eigenen Erwartungen oder den Erwartungen anderer zurückbleibt. Energieräuber bestehen deshalb darauf, das zu erreichen, was andere auch haben. Sie bringen sich dadurch in eine chronische Überforderung und hoffen insgeheim, dass andere sie unterstützen und durchtragen. Das raubt anderen Energie und Nerven. Außerdem sind Energieräuber dann so mit sich selbst beschäftigt, dass sie für andere nicht so da sein können wie es gut wäre. Doch was tut ein Psychotherapeut, wenn er einen Energieräuber begleitet und dieser kurz vor einer Entscheidung steht, die ihn in eine Überforderung bringt und dadurch auch andere in Mitleidenschaft ziehen wird? Die folgende Stachel-Story habe ich stark verfremdet.

Simona hat eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen. Sie hat ein freundliches Wesen, ist engagiert, kann sich gut ausdrücken und hat ein gutes Abitur gemacht. Ihre Eignung für diesen anspruchsvollen Beruf steht eigentlich nicht infrage. Eigentlich. Denn je mehr ich von Simona erfahre, desto mehr zeigt sich, dass man hinter alle positiven Eigenschaften ein Aber setzen muss. Ja, sie hat ein gutes Abitur gemacht, aber gut hat sie es nicht gemacht. Sie hat es nicht geschafft, sich das Lernen einzuteilen und vor Klausuren panische Nachtschichten geschoben. Ihre Freundinnen sind mehrfach nachts aufgeblieben und haben Simona Beistand geleistet. Tagsüber haben sie lange mit Simona geredet, um ihr die Angst vor Klausuren zu nehmen. Ja, Simona hat ein freundliches Wesen. Aber wenn sie unter Stress gerät, ist sie stark mit ihren Ängsten und Selbstzweifeln beschäftigt. Sie kann dann andere kaum noch wahrnehmen. Ja, Simona ist sehr engagiert, allerdings besonders bei Aufgaben, die Spaß machen und Anerkennung bringen. Unangenehme  Aufgaben schiebt Simone so lange auf, bis sich andere wütend bei ihr beschwerden.
 Diese Probleme fallen Simona nun bei bei ihrer Ausbildung zur Krankenschwester auf die Füße. Nach einem So-geht-es-nicht-weiter-Gespräch mit ihrer Ausbildungsschwester meldet sich Simona zur Therapie an. Simone hofft natürlich, dass eine Psychotherapie die Probleme beseitigt und sie den Beruf ergreifen kann, der ihren Interessen und Begabungen entspricht - wie es doch alle anderen auch tun. Aber ich weiß: Das geht so nicht. Natürlich kann sich Simona weiter entwickeln. Aber keiner kann einfach seine Schwächen zum Verschwinden bringen. Ein Beruf, der so hohe Anforderungen an die emotionale Belastbarkeit erfordert wie der der Krankenschwester, wird für einen Menschen wie Simona immer eine Überforderung sein. Würde ich mich im Krankenhaus gerne in die Hände von Simona geben, oder meine Kinder oder meine Frau? Ehrlich gesagt: Lieber nicht. Wird Simona ihre berufliche Laufbahn bestehen, ohne irgendwann aus psychischen Gründen länger krankgeschrieben zu werden? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich werden aber die Fortschritte in der Therapie ausreichen, um Simonas Ausbildungsschwester zufriedenzustellen und Simona die Prüfungen stehen zu lassen. Mir drängt sich eine beklemmende Frage auf: Werde ich dadurch nicht  zum Komplizen einer Berufswahl, die auch auf Kosten anderer geht?

Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären? Ich bespreche mich mit meinen Supervisor, einem sehr erfahrenen Fachkollegen, und in meiner Intervisionsgruppe, einer Fallbesprechungsgruppe von Kollegen. Dann spreche ich das Problem behutsam mit Simona an. Ich betone, dass sie intellektuell und von ihren fachlichen Fähigkeiten dem Beruf als Krankenschwester auf jeden Fall gewachsen ist. Dass es jedoch etwas anderes ist, einen Beruf auch emotional zu bewältigen und sich dort dauerhaft wohl zu fühlen. Ich erkläre, warum ich denke, dass die emotionale Seite vermutlich eine Überforderung für sie sein wird. Simona ist natürlich geschockt. Das erwartet man von einem Psychotherapeuten nicht. Wenn sie sich auf meine Gedanken einließe, würde es Simona außerdem den Boden unter den Füßen wegziehen, auf dem sie ihren beruflichen Weg  gegangen ist. Die nächste Stunde verwirrt mich. Simona spricht einiges an, das irgendwie mit dem Thema der Überforderung zu tun hat, aber ich kann nicht entschlüsseln, was Simona denkt und was mir damit sagen will. Am Ende steht aber, dass sie es mit meiner Hilfe doch gerne schaffen möchte, Krankenschwester zu werden. In der übernächsten Stunde bereits wirkt es, als hätten wir das Gespräch zu diesem Thema nie geführt.

Also unterstütze ich Simone nun auf ihrem Weg. Warum? Weil es mir als Therapeut natürlich nicht zusteht, Lebensentscheidungen für andere zu treffen, oder Menschen einfach wegzuschicken, wenn mir ihre Lebensentscheidungen Sorgen machen. Aber es gibt noch ein tieferen, spirituellen Grund, Simona weiter zu unterstützen: Ich bin nicht der Herr der Zukunft. Ich begleite Menschen manchmal über Jahre und sehe, dass meine Prognosen meist eintreffen. Aber eben nicht immer. Was ist mit der Möglichkeit, dass ich mich irre und es Simona doch schafft, ihren Beruf zu bewältigen und anderen Menschen darin ein Segen zu sein? Außerdem habe ich bei glaubenden Menschen schon oft beobachtet: In die Lücke, die sie eigentlich zum Scheitern bringen müsste, springt Gott und lässt dort Gutes geschehen, wo es psychologisch gesehen gar nicht möglich ist. So bleibt mir nichts, als einen Rat Martin Luthers zu beherzigen:  Bete so, als würde jedes Arbeiten nichts nutzen und arbeite so, als würde jedes Gebet nichts nutzen.