04.10.2010Christian DöringSeit über 20 Jahren lebt Hanna Kessler mit einem Geheimnis. Über Jahre hinweg ging es gut, aber plötzlich sind alte Wunden wieder aufgebrochen und Hanna findet nicht den Mut ihrem Vater von ihrem Geheimnis zu erzählen.
Die Autorin des vorliegenden Buches ist Absolventin einer Polizeiakademie. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie uns mit diesem Buch wieder einen spannenden Roman mit leider immer noch aktueller Thematik vorlegt.
Amy Wallace konfrontiert uns mit diesem FBI - Thriller mit Kriminellen die sich sexuell an Kindern vergehen und sie zeigt, dass die Täter aus allen Bevölkerungskreisen kommen können.
Hanna sieht eines Tages als erwachsene Frau im Fernsehen das Foto ihres Peinigers. Einst war er der gute Nachbar und Freund ihres Vaters. Als sie ihn im Fernsehen erblickt bricht sie in Tränen aus und sieht sich wieder als kleines Mädchen vor ihm.
Ihr Bruder ist FBI - Agent, ebenso ihr Freund. Wird Hanna ihr Schweigen brechen können ?
Wie schon so oft in ihren Büchern macht Amy Wallace Begriffe wie Rache und Gerechtigkeit, Liebe und Vergebung zum Thema. Aber die Autorin bringt auch den lieben Gott mit ins Spiel. Wir erfahren das Gott mit seiner Gerechtigkeit Zukunft schaffen kann.
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16.08.2010B.Gregor
Verwechsle Gerechtigkeit nicht mit Rache. (Seite 281)
Aber was ist, wenn das System, das für Gerechtigkeit sorgen soll, versagt? Was ist, wenn durch dieses Versagen Menschen sterben? Harter Tobak? Oh ja, sowohl das Thema als auch das Buch, bei dem ich mehr als ein Mal eine Pause einlegen musste, um das Gelesene zu verarbeiten.
Habe ich in der Rezension zum zweiten Band von einer „emotionalen Achterbahnfahrt, die öfter nach unten denn nach oben ging“ geschrieben, blieb hier von einer Achterbahnfahrt nicht mehr viel übrig. Es gab über weite Strecken nur eine Richtung: nach unten. Es konnte immer noch schlimmer kommen. Thrillererfahrene mögen das meiste als „harmlos“ empfinden, ich hatte bisweilen das Gefühl, kurz vor einem Herzinfarkt zu stehen, so angespannt war ich und konnte nicht so schnell lesen, wie ich wissen wollte, wie es weitergeht.
Es ist eine Menge, was die Autorin den Lesern auf den rund 330 Seiten zumutet. Immer wieder taucht die Frage auf: Rache oder Gerechtigkeit oder Vergebung oder etwa eine Mischung daraus? Wie geht man mit dem Bösen um, wenn es plötzlich ganz nah heran kommt - an die eigene Familie, an einen selbst? Besonders intensiv empfand ich das dann auch deswegen, weil mir die Protagonisten schon wie gute alte Bekannte, eher Freunde, vorkamen, und mir das Schicksal teilweise recht nahe ging. Wie schon zum ersten Buch geschrieben, lief auch hier wieder ein Kopfkino ab, das mich an einer amerikanischen Thriller erinnerte. Die Personen wurden lebendig, durch die wechselnden Perspektiven war man der jeweils anderen Seite bisweilen etwas im Erkenntnisstand voraus, was die Spannung zusätzlich erhöhte. An manchen Stellen hatte ich das Gefühl, daß die Übersetzung zu sehr am Original klebte, aber das mag subjektives Empfinden sein, weil ich direkt zuvor ein englischsprachiges Buch gelesen und teilweise noch das englische Sprachgefühl hatte.
Im Mittelpunkt dieses Buches stehen, wie im vorigen angedeutet, Michael und Hanna. Langsam kommt zutage, daß beide ihr Päckchen mit sich herumschleppen, wobei „Päckchen“ maßlos untertrieben ist. Man sollte die Trilogie auf jeden Fall in der richtigen Reihenfolge lesen, denn es wird immer wieder auf Personen und Begebenheiten der Vorgängerbände Bezug genommen. So weiß man auch schon, um welche Problematik es bei Hanna geht, nur daß ich ein paar Indizien aus „Die Stunden, die zählen“ falsch interpretiert habe. So, wie es sich hier enthüllt, ergibt etliches, was für mich bisher nicht zusammenpaßte, einen Sinn. Schlimm, weil realitätsbezogen, wurde es für mich, weil ich mich sehr an einen kurzlich bei uns durch die Presse gehenden Fall erinnert fühlte.
Oder Denken und Vorgehen der Bewegung „Amerika den Weißen“. Rassenhaß ist ein weiteres zentrales Thema im Buch. Es hat mich überrascht, wie offen das angesprochen und behandelt wurde. Hier tritt mit aller Häßlichkeit der Rassenwahn entgegen, und der Kopf der Bewegung, die Amerika von allen „minderwertigen Rassen“ säubern will, nimmt zumindest gedanklich offen Bezug auf Adolf Hitler. Das FBI, die Abteilung von Steven, Michael und Clint, sowie die Terrorbekämpfung haben jedenfalls alle Hände voll zu tun, vor allem, wenn sich die Zuständigkeitsbereiche überlappen. Auch hier kommt der Autorin wieder ihre berufliche Kenntnis des Polizeiwesens zugute.
Wie schon in den Vorgängerbüchern, so kommt Amy Wallace auch hier nahezu völlig ohne Gewaltdarstellung oder Beschreibung des Zustandes der Opfer aus. Dennoch ist mir mehr als einmal ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter gelaufen, wenn ich das Geschriebene einfach weitergedacht oder in die Praxis „übersetzt“ habe. Das Schlimmste dabei war für mich die große Realitätsnähe. Das, was die Rassisten dort in Washington D.C, von sich gaben, entspricht weitgehend dem, was ich aus Äußerungen hiesiger Rechtsradikaler kenne. Aus kalten Zeitungsberichten wurden dank der mich emotional berührenden Protagonisten plötzlich erschreckend reale Gefahren.
Bei dem Grundkonflikt - Rache, Gerechtigkeit oder Vergebung - kommt es, daß die Distanz zu den Protagonisten sehr klein ist; zumindest habe ich noch mehr als in den bisherigen Büchern mitgelitten und mich viel zu selten mitfreuen können. Immer mehr spitzt sich der Konflikt zu und zwingt darüber nachzudenken, wie man selbst entscheiden und ggf. handeln würde. „Verwechsle Gerechtigkeit nicht mit Rache. Und lass nicht zu, dass dein Temperament deinen Verstand vernebelt.“ (Seite 281)
Gerechtigkeit - Rache - Vergebung. Es bleibt nicht aus, daß mir auch hier die Amisch in den Sinn kamen. Im Buch „Die Gnade der Amish“, das sich mit dem Massaker in einer Amisch-Schule vom 2. Oktober 2006 befaßt, wird das Thema ausführlich behandelt. „Vergebung bedeutet, dein Recht auf Vergeltung aufzugeben.“, so heißt es in dort an einer Stelle. Eine Erkenntnis, zu der die Protagonisten hier erst durch schmerzhafte Entwicklungen gelangen müssen, wollen sie die Ereignisse der Vergangenheit endgültig abschütteln und künftig ein glückliches Leben führen können. Ein Leben, bei dem ich sie wohl nicht mehr werde begleiten können, denn eine Trilogie ist mit drei Büchern in der Regel vollendet. So zufrieden, aber vor allem auch nachdenklich, wie ich das Buch zugeklappt habe, so traurig bin ich, daß ich den Walkers, Kesslers und Rollins künftig wohl nicht mehr begegnen werde. Da hilft nur eines: baldiges Wiederlesen. Und die Hoffnung, daß bald Neues von der Autorin zu lesen sein wird.